Feldveränderung durch beherzte Liebe
Wir besuchten den Radiästhesie-Ausbildungskurs in Bern und waren einerseits erstaunt über die vielen Parallelen, die wir zu unserer Arbeit mit Paaren fanden, andererseits stolperten wir über den Begriff des Widersachers. Dieser Umstand führte zu einem Gespräch mit RR.
Andrea Frölich Oertle: Gut und Böse, dass diese gegensätzlichen Kräfte, die eine Einheit bilden wie Tag und Nacht, da sein dürfen, finde ich ganz wichtig. Es war eine Frage, die sich mir mit der Radiästhesie und Radionik stellte: Wenn jemand oder etwas nicht passt und man sagt: «Da ist etwas im System, das stört und das möchten wir weghaben» ist man schnell im Verurteilen. Solche Spaltungen haben einen gefährlichen Aspekt und begünstigen extremistische Positionen. Ich denke da im Kontext von Religion und Spiritualität zum Beispiel an Exorzismus, an die Hexenverfolgung.
Peter Oertle: Das sieht man auch bei Kriegen, da geht es meist um religiöse Unterschiede …
Andrea: …oder wirtschaftliche Ressourcen.
Peter: Zum Beispiel ist der extreme Veganismus fast wie eine Religion. Er schliesst etwas aus. Wenn ich im Garten Gemüse pflanze, kann ich das nicht tun, ohne Kleinlebewesen zu zertrampeln. Man kann gar nicht leben ohne zu töten – ein Paradox.
Andrea: Wir meinen, das Paradox müsste ein Paaradox sein. Es ist kein Widerspruch, sondern zwei Seiten, die zusammen ein Paar, ein Ganzes bilden. Deshalb gibt es für uns keinen Widersacher, der mir böse will.
Peter: Es kann sein, dass mich im Moment etwas stört, dass es sich im Moment als ein Widersacher anfühlt. Das heisst aber auch, dass ich mich fragen muss: Was will ich denn überhaupt? Oder Was will Der oder Das von mir?


Zeichnungen von Linus Finn Riegger aus Peter & Andrea Oertle Frölich Drei Schritte zum Paaradies, Edition Spuren 2019
Der ergänzende Gegenspieler
Andrea: Eine Parallele zur Radionik ist, dass wir im Beziehungsfeld auch mit Harmonisierung arbeiten. Zum Beispiel mit dem Inneren Kind. Wenn mein Inneres Kind existenzielle Angst hat, weil ich zum Beispiel als Embryo vom Tod bedroht wurde, geht es darum, aus der Identifikation mit dem Kind von damals auszusteigen. Das heisst, über ein Symbol den angstbesetzten Kinderanteil sichtbar zu machen. So kann ich, als Erwachsene Distanz machen und gleichzeitig mit diesem Anteil in Beziehung gehen. Das ist eine Form von Harmonisierung, bei der die Gegenseite integriert und mein Bewusstsein erweitert wird.
Peter: Wenn wir einen Streit haben, ist Andrea meine vermeintliche Widersacherin und legt den Finger auf meine wunden Punkte. Das löst meine Überlebensstrategie aus – Angriff, Todstellreflex oder Flucht. Damit verbunden sind Emotionen, die ich entweder lautstark zum Ausdruck bringe oder in mich hineinfresse und schweige. Der Streit fördert sie auf jeden Fall zu Tage. Das ist wichtig. Haben sich die Wogen gelegt, können wir uns hinsetzen und im Gespräch das Geschehene ordnen. Zum Beispiel: Es hat sich angefühlt wie am Mittagstisch, wo alle gegen mich waren. Alle waren studiert, nur ich nicht. Ich gehe weiter zurück. Ich weiss von meiner Mutter, dass, als ich am Samichlaustag 1949 gezeugt wurde, mein Vater noch im Studium war und er kein Kind wollte, sie aber schon. Es kam zum Streit und Abtreibung stand im Raum, eine existentielle Bedrohung, die Todesangst auslöste. Das weiss man heute aus der pränatalen Forschung. Diese Todesangst ist mein wirklicher Gegenspieler und in meinem frühesten Körpergedächtnis eingeschrieben. Im dritten Monat der Schwangerschaft kam eine weitere Geschichte dazu. Meine Mutter fuhr mit einer Seilbahn auf einen Berg, obschon ihr damals alle abrieten, das als Schwangere zu tun. Es zog ein Sturm auf, die Bahn blieb stecken und meine Mutter hatte das Gefühl, sie würde mich verlieren. Wieder Todesangst. Sechs Monate später folgte eine Geburt mit Steisslage und Nabelschnur um den Hals: wieder Todesangst. All das kommt im Konflikt mit Andrea, sei er gross oder klein, in die Jetztzeit hinein und löst existenzielle Nöte aus.
Inneres Kind = Gefühlsspeicher
Der Begriff des Inneren Kindes meint einen meist unbewussten Anteil in mir, der ohnmächtig ausgeliefert war und bis heute mit unangenehmen, bedrohlichen Gefühlen und Körperempfindungen verbunden ist. Aufgrund dessen habe ich schon als Kind instinktiv nach einem Umgang gesucht, um mit unangenehmen Gefühlen und Situationen umzugehen. Eine Überlebensstrategie – Todstellreflex oder Angriff. Flucht war meist nicht möglich. Diese Strategien und Muster kommen bis heute zum Zug.
Die Harmonisierung
Andrea: Auch ich erlebte eine existentielle Bedrohung in meinem frühen Werden. Der Körper meiner Mutter hatte, nach dem Verlust von vier Kindern durch spontane Aborte in der Schwangerschaft, Antikörper gegen mich entwickelt und diese bedrohten mich. Dank medizinischer Unterstützung und meinem Lebenswillen habe ich es geschafft, das Licht der Welt zu erblicken. Ein Konflikt mit Peter, der im Streitfall mit seiner bevorzugten Überlebensstrategie, dem Angriff reagiert, löst bei mir ebenfalls existentielle Nöte aus.
«…wenn er quasi sein Inneres Kind von mir wegnimmt und ich meines von ihm, wird der Konflikt harmonisiert.»
Andrea Frölich Oertle
So sitzen wir beide im selben Boot. Beide sind wir zurückgeworfen auf die Ohnmacht des eigenen Inneren Kindes, einem Anteil in uns, der uns vermeintlich als Gegenspieler erscheint. Peter ist bedroht durch eine mögliche Abtreibung und ich fürchte um mein Leben durch die Antikörper meiner Mutter…
Peter: …wenn ich das zu mir nehmen kann und sie ihren Anteil zu sich…
Andrea: …wenn er quasi sein Inneres Kind von mir wegnimmt und ich meines von ihm, wird der Konflikt harmonisiert.

Zeichnung von Linus Finn Riegger aus Peter & Andrea Oertle Frölich Drei Schritte zum Paaradies, Edition Spuren 2019
Peter: Ich sage dann zu meinem Kleinen: «Hey, ich kann dich gut verstehen, doch jetzt bist du der Gefahr einer Abtreibung nicht mehr ausgesetzt, du bist jetzt hier mit mir. Bleib ganz ruhig. Ich habe viel Erfahrung und bin jetzt 75 Jahre auf dieser Welt. Komm, bleib bei mir. Ich bin der Einzige, der dich beruhigen kann. Ich bin der Einzige, der für dich Papa und Mama sein kann. Solange ich lebe, bin ich deine Eltern.» Das ist eine Feldveränderung, die ich bewirken kann.
Andrea: Ebenso kann ich meiner Kleinen versichern, dass die Situation im Jetzt nichts Bedrohliches hat und ich sie annehmen kann mit ihren Gefühlen und ihr helfen kann, diese verantwortungsvoll zum Ausdruck zu bringen.
Im Streit spiegelt Peter mir einen ergänzenden Teil. Doch damit berührt er meine wunden Punkte und ich sage erstmal: «Geh weg!» Das ist normal. Doch er macht mich darauf aufmerksam, dass hier ein hilfloses Kind ist, das Fürsorge braucht. Er ist wie ein Geburtshelfer, der mir hilft, gewisse Dinge zu bergen, die ich sonst nicht in die Welt bringen könnte, weil ich sie so gut vor mir selbst versteckt halte, weil ich da nicht mehr hin will. So gesehen ist er eigentlich ein wunderbarer Mensch, der mir hilft, Dinge zu sehen, die ich selbst nicht mehr sehen will. Im Streit könnte ich ihn zwar auf den Mond schiessen, doch danach weiss ich auch: Er hat mir geholfen, einen Schatz zu bergen.
So können wir, jeder sein Inneres Kind im Arm dem andern wieder begegnen, ohne ihn mit einem Todesengel zu verwechseln.
Peter: Beides existiert nebeneinander. Diese Feldveränderung harmonisiert unseren Konflikt zu 85–90 Prozent. Nach einer Reflektion dieses Konflikts, bei der jeder seine Geschichte wieder zu sich nehmen konnte, für die er 100 Prozent Verantwortung trägt, können wieder Liebesgefühle aufkommen. Und wir sagen: «Wow, danke vielmals!»
RR: Kann man demnach sagen, die weiterführendste Feldveränderung ist das Kultivieren der Eigenliebe?
Andrea: Ja. Es geht um das Annehmen. Angenehm kommt von angenommen und unangenehm kommt von unangenommen. Es geht um die Inklusion, darum alles anzunehmen was da ist, jenseits aller Wertung. Auf diese Weise werden unsere Konflikte fruchtbar und wir können im Beziehungsfeld miteinander und aneinander wachsen.
RR: Danke für das Gespräch.
Praxis-Tipp von Peter & Andrea Oertle Frölich
Nach einem Streit, wenn sich die Emotionen gelegt haben: Tauscht Eure Plätze. Schlüpft mit Haut und Haar in die Rolle des Gegenübers. Seine Körperhaltung einzunehmen kann hilfreich sein. Versetze Dich in die Konfliktsituation und sprich in der Ich-Form aus der Warte des anderen über das Erlebte. Zuerst der eine, dann der andere. Hört einander aktiv zu und nehmt wahr, was Resonanz findet – Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken. Danach die Rolle abschütteln und wieder Deinen Platz einnehmen. Wie fühlt es sich an?
Peter & Andrea Oertle Frölich
Praxis für Paarberatung und Persönlichkeitsbildung
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Autoren des Buches Drei Schritte zum Paaradies – Frieden finden zu zweit, Edition Spuren 2019
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