Spirituelle Hintergründe des Zeitgeist-Begriffes

Statue Zeitgeist auf dem Hauptportal des alten Luzerner Bahnhofs: Der Bildhauer Richard Kissling, 1848–1919 stellte damit den epochalen Umbruch ins Zeitalter der elektrischen Eisenbahn dar. Foto: Thomas Sbampato

Der Zeitgeist ist ein Wort, welches wir heute intuitiv benutzen und dessen Inhalt wir selten vollumfänglich reflektieren. Der Wortschöpfer dieses Begriffes ist Johann Gottfried Herder, der diesen 1769 in Riga in seiner Schrift Kritische Wälder oder Betrachtungen, die Wissenschaft und Kunst des Schönen betreffend, nach Massgabe neuerer Schriften prägte. Er entwickelte ihn aus der Übersetzung des lateinischen Begriffs genius saeculi und benutzte ihn, um die Eigenart sowie die spezifischen Denk- und Fühlweisen einer bestimmten Epoche zu charakterisieren. Rudolf Steiner wiederum mass dem Begriff Zeitgeist eine tiefere Bedeutung zu. Er stellte insbesondere die Frage nach dem Wesen dieses Zeitgeistes. 

Dazu ist es hilfreich, Steiners Begriff der Kulturepochen zu kennen. Für ihn stellt sich die nachatlantische Kulturepoche als eine in sieben Stufen verlaufende Entwicklungsgeschichte dar, von der wir uns heute in der fünften von insgesamt sieben Epochen befinden.

Die Kenntnis über den Untergang von Atlantis als einer Menschheitsepoche, die obwohl geistig am weitesten entwickelt, untergehen musste, weil sie den Missbrauch ihrer eigenen geistigen Errungenschaften nicht verhindern konnte, wird hier vorausgesetzt.

Kulturepochen nach Rudolf Steiner

Nach Steiner folgen dem Untergang von Atlantis sieben Kulturepochen. Tatsächlich wird die Dauer dieser Kulturepochen durch kosmische Verhältnisse bestimmt und entspricht jeweils einem Zwölftel des platonischen Weltenjahres, also etwa 2160 Jahre.

Sieben Kulturepochen nach Rudolf Steiner
1. Urindische Kulturepoche 7227–5067 vor Christus
2. Urpersische Kulturepoche 5067–2907 vor Christus
3. Ägyptisch-Chaldäische Kulturepoche 2907–747 vor Christus
4. Griechisch-Lateinische Kulturepoche 747 v. Chr.–1413 nach Chr.
5. Germanisch-Angelsächsische Kulturepoche 1413–3573 n. Chr., die gegenwärtige Epoche
6. Slawische Kulturepoche 3573–5733 nach Christus
7. Amerikanische Kulturepoche 5733–7893 nach Christus

Engel als Zeitgeister

Innerhalb dieser Epochen gibt es herausragende Ereignisse, die einen Wendepunkt innerhalb der Epoche darstellen und mit einer Änderung des Zeitgeistes einhergehen.

Ein solches Ereignis ist beispielsweise nach langem Kampf von 1841 an der Sieg der Himmelsmächte über die Geister der Finsternis im Jahre 1879 durch den Erzengel Michael und seine Gefolgschaft. Hier wurden die Geister der Finsternis auf die Erde verbannt. (GA 177, S. 159 ff.)

Dies hatte zur Folge, dass der Erzengel Michael, der massgeblich für diesen Sieg verantwortlich war, vom Erzengel zum Urengel aufstieg und ab diesem Zeitpunkt der Zeitgeist-Wächter und -Unterstützer für die hier beginnende Periode wurde und tatsächlich heute noch ist. Schlicht gesagt: Er wurde zum Zeitgeist der nun beginnenden Epoche. Daher rührt der Begriff vom michaelischen Zeitalter. Dies geht auf die ganze Menschheit über.

Nach Steiner wirken folgende Engel als Zeitgeister (GA 245, S. 171):
Oriphiel Saturn 200 v. Chr.–150 n. Chr.
Anael Venus 150–500 n. Chr.
Zachariel Jupiter 500–850 n. Chr.
Raphael Merkur 850–1190 n. Chr.
Samael Mars 1190–1510 n. Chr.
Gabriel Mond 1510–1879 n. Chr.
Michael Sonne November 1879–ca. 2300 n. Chr.

Sie wechselten sich in dieser Reihenfolge schon vor diesen Zeitangaben ab und werden sich auch nach diesen Zeitangaben in den Kulturepochen abwechseln. 

Steiner im Zitat: «Aber im wesentlichen hängt es doch davon ab, dass die Zeitgeister die aufeinanderfolgenden Inkarnationen der Menschen regeln. Nun regeln aber die Zeitgeister ihrerseits diesen ganzen Lauf der menschlichen Geschicke dadurch, dass sie gleichsam Untergebene haben. Und das sind die Erzengel. Solche Erzengel regieren gewissermassen in untergeordneten Stellungen viel kürzere Zeit als die Zeitgeister. Während die Zeitgeister so lange regieren, wie ich es vorhin angeführt habe, wir also einen Zeitgeist von der Gründung Roms bis ins 16. Jahrhundert annehmen können, regieren die Geister, die wir zur Hierarchie der Erzengel rechnen, nur etwa zwischen drei und vier Jahrhunderten. Sie wechseln so ab, dass etwa sechs oder sieben hintereinander kommen, während ein Zeitgeist regiert. So dass wir um die Zeit, in der das Mysterium von Golgatha stattfand, zuerst die Regierung in der geistigen Entwicklung desjenigen Erzengels haben, den wir mit dem Namen Oriphiel bezeichnen. Dann kommt die Regierung von Anael, dann die Regierung von Zachariel, von Raphael, von Samael, von Gabriel; und jetzt seit dem Jahre 1879 haben wir die Regierung desjenigen Erzengels, den wir als Michael bezeichnen. Wenn wir die geistigen Welten anschauen, haben wir also gleichsam die höhere Regierung der Zeitgeister und darunterstehend, aufeinanderfolgend in der Zeitenfolge, die Regierungen von Erzengeln. Weil der Mensch nicht alles aufnehmen kann, was ihm der Zeitgeist geben würde, nimmt er es nicht direkt aus der Hand des Zeitgeistes, sondern aus der Hand des Erzengels – der weniger hohen Macht. 

Halten wir also fest: Unmittelbar unsere persönlichen Schützer gehören in die Hierarchie der Angeloi. Darüber stehen diejenigen, die mehr die Menschen im Zusammenhang der Menschen regeln. Und über ihnen stehen die Archai oder Geister der Persönlichkeit oder Zeitgeister.» (GA 159, S. 208 ff.)

Felseninsel Mont Saint-Michel vor der Küste der Normandie: Die Turmspitze mit dem heiligen Michael wurde im 19. Jhd. hinzugefügt.
Foto: Abdul Moeed

Der Aufstieg Michaels zum Zeitgeist

«Wenn wir von der Hierarchie der Archangeloi sprechen, kann man sagen, die lösen sich zwar so ab, wie ich gesagt habe. Aber der höchste im Range, gleichsam der Oberste ist derjenige, der in unserem Zeitalter die Herrschaft zu führen beginnt, ist Michael. Er ist einer aus der Reihe der Archangeloi, aber er ist gewissermassen der Fortgeschrittenste. Nun gibt es eine Entwicklung, und die Entwicklung umfasst alle Wesen. Alle Wesen sind in einer sich steigernden Entwicklung, und wir leben in dem Zeitalter, wo Michael, der Oberste von der Natur der Archangeloi, übergeht in die Natur der Archai. Er wird allmählich übergehen in eine leitende Stellung, wird eine leitende Wesenheit, wird Zeitgeist, leitende Wesenheit für die ganze Menschheit.

Das ist das Bedeutsame, das ist das ungeheuer Wichtige unseres Zeitalters, dass wir begreifen, dass das, was in allen vorhergehenden Epochen noch nicht da war, für die ganze Menschheit nicht da war, nun sein kann, werden muss ein Gut für die ganze Menschheit. Was bisher bei einzelnen Völkern auftrat – spirituelle Vertiefung –, kann nun etwas sein für die gesamte Menschheit.» (GA 152, S. 60 ff.)

Quellen

Rudolf Steiner: Anweisungen für eine esoterische Schulung (GA 245), 1987, Seite 171 Anmerkung
R. Steiner: Die spirituellen Hintergründe der geistigen Welt (GA 177), 2020, S. 159 ff.
R. Steiner: Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen (GA 102), 2001
R. Steiner: Geistige Hierarchien und ihre Wiederspiegelung in der physischen Welt (GA 110), 1991, S.91 ff.
R. Steiner: Vorstufen zum Mysterium von Golgatha (GA 152), 1990, S. 60
R. Steiner: Das Geheimnis des Todes. Wesen und Bedeutung
Mitteleuropas und Die europäischen Volksgeister
(GA 159), S. 208 ff.

Hendrikje Arzt
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Heilpraktikerin, Homöopathikerin, Traumatherapeutin, Geomantin.

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