Wundersame Entdeckungen auf und in der Erdkruste
Im Flur meiner Wohnung hängt eine Reliefkarte der Schweiz und ihrer Umgebung. Immer wieder bleibe ich staunend, ehrfürchtig, sinnierend und manchmal planend vor dieser Karte stehen. Warum? Wenn ich mir bewusst mache, wie hauchdünn die Erdkruste im Verhältnis zum ganzen Planeten ist, ebenso die Schicht der Atemluft, die ihn umgibt – beide ermöglichen sie unser Leben auf der Erde – empfinde ich pure Dankbarkeit dieser wunderbaren Schöpfung gegenüber.
Das Relief der Schweiz ist ein primitives Abbild der Wunder, die draussen in der Natur erlebt werden können. Man muss den Rucksack packen und sich auf den Weg machen! Auf geht’s! Ich lade Dich auf eine Tour mit der Bahn, dem Fahrad und schliesslich zu Fuss ein. Am besten breitest Du vor Dir eine Karte der Schweiz aus, so kannst Du die Etappen nachvollziehen und vielleicht eines Tages selber draussen erleben.
Ich schildere meine Eindrücke als zusammenhängende Geschichte einzelner Teilgeschichten, nicht chronologisch, jedoch allesamt wahr und ohne KI. Geologen schildern gerne in Jahrmillionen, ich beschränke mich auf einen Wimpernschlag, auf mein Leben von 68 Jährchen. Viel Freude!

Foto: Konrad Uebelhart, Infotafeln auf dem Grenchenberg.
Von Olten nach Basel
Starten wir unsere Reise in Olten. Das ist von unserem Wohnort aus der nächstgelegene grössere Bahnhof. Knotenpunkt von 6 Bahnlinien und Kreuzungspunkt der Nord-Süd-Hauptlinie Hamburg–Mailand und der West-Ost-Hauptlinie Genf–Zürich/München/Wien. In Olten befindet sich der Kilometerstein 0. Von dort ausgehend wurde im 19. Jahrhundert das Schweizer Bahnnetz vermessen. Beim Gleis 12 ist das einzige Denkmal mit der Zahl 0, als Erinnerungsstein in der Betonwand eingelassen.
Ich war ein kleiner Bub als ich Papa nach Basel begleiten durfte. In Olten bestiegen wir den Schnellzug, nicht etwa wie alle anderen Passagiere, sondern vorne die Lokomotive. Vater fragte den Lokführer, ob wir bei ihm im Führerstand mitfahren durften. Das war in den Sechzigerjahren möglich. Man kann heute im Voraus und ziemlich teuer Führerstandfahrten aus Sicherheitsgründen mit einer Begleitperson der SBB buchen, damit der Lokführer in seinem verantwortungsvollen Job nicht abgelenkt wird. Für mich war das damals ein sensationelles Abenteuer und ich wollte unbedingt auch Lokführer werden.
Im langen, geraden Hauenstein-Basistunnel durch das Juragebirge sieht man nach der Einfahrt in den Tunnel ein winzig kleines, langsam grösser werdendes Lichtlein: Das andere Tunnelportal. Nach dem Tunnel schlängelt sich die Bahn durch die Jurahügel der Basellandschaft. Urplötzlich in einer Linkskurve ohne Weitsicht bei über 100 km/h ein gewaltiger Schreckmoment: Ein Zug kam uns ebenso rasend schnell entgegen. Im Bruchteil einer Sekunde glaubte ich mich und viele andere tot: aus die Maus. Der Vater und der Lokführer bemerkten meinen Schrecken und beruhigten mich. Ich habe bis dahin nicht realisiert, dass die Züge auf der Doppelspur links fahren. Der Luftdruck des auf dem anderen Gleis vorbeirauschenden Zuges holte mich zurück.

Foto: Konrad Uebelhart, Infotafeln auf dem Grenchenberg.
Von Basel nach Biel
Von Basel führt eine interessante Bahnlinie durch den Jura nach Biel. Die kurvenreiche Strecke schlängelt sich entlang der Birs nach Laufen, Delsberg und Moutier durch eindrückliche Schluchten und Klusen des Faltenjuras. Nach Moutier geht es seit 1915 durch den 8.6 Kilometer langen Grenchenbergtunnel. Ich vermute, kaum ein Passagier macht sich ein Bild darüber, was sich beim Tunnelbau abgespielt hat. Auch ich nicht – bis vor 20 Jahren: Auf einer Wanderung über den Grenchenberg begegnete ich einer Infotafel, 800 Meter über dem Tunnel. Er wurde von 1911 bis 1915 ausgebrochen um die Verbindung Biel–Moutier mit geringer Steigung abzukürzen. Beim Bau gab es Wassereinbrüche. Dramatisch wurde es im Februar und März 1913, als eine wassergefüllte Höhle angeschnitten wurde. Bis Ende 1913 flossen rund 6 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Berg. Das führte zu Spannungsumlagerungen und zu spürbaren Erdbeben. Zwar verringerte sich der Wassereinbruch nach einiger Zeit, die Dorfbachquelle, die das Trinkwasser für Grenchen geliefert hatte, war aber unwiderruflich trockengefallen. Die Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn BLS muss seither die Stadt Grenchen mit Trinkwasser versorgen, das sie im Tunnel fasst.
Die geologischen Befunde während des Tunnelbaus überraschten die Fachleute, sie mussten ihre Prognosen wiederholt anpassen. Unter anderem konnte die Existenz von verfalteten Überschiebungen erstmals zweifelsfrei belegt werden.
Von Biel nach Olten
In Biel steigen wir in den Schnellzug zurück nach Olten um. In Fahrtrichtung links können wir auf der ganzen Strecke die Südflanke der ersten Jurakette betrachten. Wir fahren am Grenchenberg vorbei, den wir eben kennengelernt haben und bestaunen die oberirdischen Strukturen des Berges. Wir machten bereits in RR 3/2025 im Bericht Wertschätzung des Wassers Bekanntschaft mit ihm und der sagenhaften Aussicht bis in die Alpen.

Foto: Rainer Eder
Rund 8 Kilometer östlich des Grenchenbergtunnels befindet sich der knapp 4 Kilometer lange Weissensteintunnel der Regionalbahn Solothurn–Moutier. Auch bei diesem Tunnelbau wurden mehrere wasserführende Höhlen angeschnitten. Es fliessen bis zu 20 Kubikmeter Wasser pro Minute aus dem Südportal in den Wildbach bei der Station Oberdorf SO. Das Wasser würde reichen, um die ganze Region mit Trinkwasser zu versorgen.
600 Meter über dem Tunnel und 300 Meter seitlich versetzt befindet sich der Einstieg ins Nidleloch, ein einzigartiges 8 Kilometer langes Höhlensystem im Weissenstein. Die Temperatur in der Höhle beträgt konstant 6 Grad Celsius. Das Wasser, das auf dem Weissenstein versickert, fliesst im Berg durch ein riesiges, löchriges Labyrinth hauptsächlich ostwärts und speist nach Tagen die Chaltbrunnenquelle bei Matzendorf SO, den Gärbiweiher in der Klus bei Oensingen SO und eine Quelle bei Oberbipp BE.

Infotafel: Geotest AG
Nach Wangen an der Aare schlängelt sich unser Zug zwischen den Moränenhügeln hindurch, die der Rhonegletscher vor über 20.000 Jahren hier deponiert hat und taucht in Niederbipp am Anfang der Gäuebene wieder auf. Das Gäu habe ich in Wertschätzung des Wassers beschrieben.
Von Olten ins Tessin und zurück
Meine sieben jüngeren Geschwister und ich hatten das grosse Glück, als Kinder eines Bahnbeamten und einer Bauerntochter zur Welt zu kommen. Mama ernährte uns gesund mit den Erträgen aus dem grossen Garten und Papa erhielt regelmässig Freikarten für Bahnfahrten mit der Familie. Wir mussten für unsere Privilegien arbeiten: Hilfe in Haus und Garten, Schnee schieben rund um den Bahnhof Oberbuchsiten. Samstagnachmittag, wenn die Familie beisammen war, fragte Papa: Was machen wir morgen Sonntag? Wie aus einem Kanonenrohr schallte es durch die Wohnung: «E Freicharte abrössle!»¹ Die Antwort kannte er im Voraus. Die Frage war nur noch: Wohin soll die Reise gehen? So haben wir im Laufe der Zeit das ganze Land aus der Bahnperspektive kennengelernt. Auf diesen Reisen gab es viel zu sehen und zu erleben!
«S Chileli vo Wasse»² kennen wohl die meisten – spätestens seit Emils Sketch: Der Zug fährt auf dem Weg ins Tessin dreimal daran vorbei. Zuerst sieht man es von unten, dann auf gleicher Höhe und zum dritten Mal von oben. Der Grund sind die Kehrtunnel, die grosse S-Schlaufe auf Höhe von Wassen. War das spannend für uns Kinder! Bei Wassen sind es zwei halbe 180-Grad-Kehrtunnel, bei Gurtnellen und in der Leventina ganze 360-Grad-Kehrtunnel. Um zu beweisen, dass der Zug im Berg einen Kreis vollzieht, band Papa oben an der Gepäckablage eine Schnur fest und hängte daran ein Sackmesser auf. Mein erster Kontakt mit einem Pendel. Als der Zug in den Tunnel einfuhr, gab er dem Sackmesser parallel zur Fahrtrichtung des Wagens einen Schubs. Das Sackmesser pendelte hin und her. Wie von Geisterhand gesteuert, vollzog es bis zur Ausfahrt des Zuges aus dem Kehrtunnel einen vollständigen Kreis, bei Wassen waren es Halbkreise – sind es heute noch, wenn jemand das Experiment auf der Gotthard Bergstrecke nachvollziehen möchte; nicht im Basistunnel!

Foto: Konrad Uebelhart
Im Gotthardtunnel erklärte uns der Vater, dass die Tunnelbauer von Göschenen und jene von Airolo sich in der Mitte mit nur wenigen Zentimetern Abweichung trafen. Das konnte ich mir lange nicht erklären, wie sowas bei über 17 Kilometer Tunnellänge möglich ist. Plausibel wurde es mir Jahre später im Studium am Technikum.
Auf der Rückreise vom Tessin stiegen wir im letzten Wagen ein. Bei den alten Waggons konnte man durch die Glasscheibe der verschlossenen hintersten Verbindungstür hinausschauen. Das war wiederum spannend, zu sehen, wie die Gleise in der Ferne verschwinden und sich in den Kurven biegen. In den Tunneln bangten wir um das Tageslicht.
Durch den Lötschberg ins Wallis
Auf einer Reise durch den Lötschbergtunnel ins Wallis erklärte Papa, weshalb der Tunnel eine S-Kurve beschreibt und nicht schnurgerade durch den Berg verläuft wie beim Gotthardtunnel: Beim Bohren und sprengen auf der Seite von Kandersteg unterquert der Tunnel das Gasterntal. Dort angelangt, drang Wasser in den Tunnel und der Fels war dadurch instabil. Was nun? Die geologischen Kenntnisse und Erfahrungen waren im Vergleich zu heute viel kleiner. Jemand hatte eine Idee: Einige hundert Meter weiter zurück eine Kurve einzubauen und das Gasterntal über einen Kilometer weiter oben, das heisst weiter östlich, zu unterqueren, in der Hoffnung dort auf stabilen Fels zu treffen. Die Hoffnung ist aufgegangen. Seither vollziehen sämtliche Züge im Lötschbergtunnel eine sanfte S-Schlaufe. Für mich war das die dritte Lektion in Geologie nach dem löchrigen Käse, pardon: Jura und dem kompakten Fels in den Gotthardtunneln.
Diese dritte Lektion half mir ein paar Jahre später in einer brenzligen Situation: Die ganze Bezirksschule fuhr mit der Bahn ins Skilager nach Fiesch VS. Die Schule reservierte zwei, drei Wagen für uns. Es waren ältere Modelle. In Olten mussten wir nicht umsteigen, unsere Wagen wurden einem Schnellzug nach Bern und Brig am Schluss des Zuges angehängt. Damals 1969 begleiteten noch keine Eltern die Kinderscharen. Die Klassenlehrer waren alleine und forderten: «Brav auf den Sitzplätzen sitzen!» Obwohl wir damals grossen Respekt vor Autoritätspersonen wie Lehrpersonen hatten, funktionierte diese Ermahnung im besten Fall ein paar Minuten. Wir warteten auf unbeobachtete Momente und jemand startete eine Aktion. Wir schlichen zwischen den Wagen hin und her, was verboten war. Meine Kameraden spielten mir einen bösen Streich und das ausgerechnet nach Einfahrt in den Lötschbergtunnel: Als ich mich zwischen zwei Wagen befand – das war damals eine Todeszone – versperrten sie die Verbindungstüren auf beiden Seiten. Man konnte zwischen den Wagen auf die Gleise stürzen. Es gab einzig ein Riffelblech unter den Füssen und Haltestangen auf beiden Seiten der Passage. Während der Fahrt des Zuges benutzten nur Kondukteure diese Passage. Sie waren darin geübt. Bei 100 km/h rüttelte es arg, denn die Gleise waren noch nicht so präzise verlegt wie heute. Ich stand also zwischen den Wagen auf dieser Passage und geriet in Panik. Da erinnerte ich mich an Vaters Lektion. Ich klammerte mich fest an die Haltestangen, den Blick hinunter auf die Geleise gerichtet und versuchte zu spüren, wann der Zug die Linkskurve nimmt, dann die Rechtskurve und schliesslich wieder die Linkskurve. So konnte ich in etwa abschätzen an welcher Stelle im Tunnel sich der Zug gerade befand und wie lange es noch dauern könnte, bis er den Tunnel verliess. Weil ich nicht mehr versuchte, eine der Türen zu öffnen und mich ruhig verhielt, liessen meine Kameraden nach einigen Minuten von ihrem Vorhaben ab. Mit zitternden Knien blieb ich danach brav auf meinem Sitzplatz. Es war mir, als hätte ich ein neues Leben geschenkt bekommen – Geburt Nummer vier.
Von da an achtete ich sehr darauf, dass sich während einer Zugfahrt niemand in eine Gefahrenzone begab. Lange Zeit konnte ich nicht über das Erlebte sprechen. Ich schämte mich darüber.
Umsteigen auf das Fahrrad und zu Fuss
Genug der Bahnabenteuer. Nun lasst uns dem Thema Verwerfungen annähern. Wechseln wir auf das Tourenrad. Auf gemütlichen Flachetappen wie auf anspruchsvollen Passfahrten hat man Zeit, die Umgebung zu betrachten. Auf einmal spürt man die Topografie in den Beinen, beim Atmen im ganzen Körper. Beim Radfahren ist man selber Lokomotive und Motivator. 10.000 Kilometer pro Jahr waren für mich die Regel.
Mit 17 unternahm ich mit einem Kollegen eine Radtour durch Österreich und Norditalien, mit einem Zweierzelt für Übernachtungen im Freien. Elf Tagesetappen mit 100 bis 250 Kilometern. Ein Tag Rast mit Stadtbesichtigung in Venedig. Die Städte Innsbruck, Graz, Klagenfurt, Venedig und Verona interessierten uns aus beruflichen Gründen. Wir waren beide in der Ausbildung zum Hochbauzeichner. Auf dieser Tour staunte ich über die Krimmler Wasserfälle beim Gerlospass in Österreich und das schier unendlich breite Bett des Flusses Tagliamento im Friaul in der Poebene. Eine wilde Natur mit vielen Kiesinseln, Material aus den Ostalpen und mäandrierenden kleineren Flussarmen. Ich war beruflich unterwegs Richtung Architektur, aber das Interesse an der Geologie war endgültig geweckt. In der Schweiz ist die Topografie des Landes derart spannend und es gibt keine Region mehr, die ich nicht per Fahrrad entdeckt habe. Zunehmend stellten sich mir Fragen zur Entstehung dieser wunderbaren Landschaftsformen. Inzwischen bin ich in allen Regionen des Landes und darüber hinaus zu Fuss unterwegs und schaue etwas genauer hin.

Rot eingerahmt der Alpstein im Säntis-Massiv.
Foto: Konrad Uebelhart
Kuchen mit Hohlräumen
Das Nord-Süd-Geoprofil durch die Ostschweiz zeigt die Schichten, die einst flüssig und heiss waren wie ein Kuchenteig. Als Kind habe ich ab und zu meiner Mama beim Kuchenbacken geholfen, am liebsten beim Marmor-Gugelhopf. Die eingearbeitete Schokoladenmasse ergab einen zweifarbigen Kuchen. Etwa so haben sich die verschiedenen Schichten im Verlauf der Jahrmillionen untereinander und übereinander verrührt und am Ende sind sie an der Erdoberfläche erkaltet und spröde geworden. Der Kuchen geht auf und im Innern bilden sich Hohlräume. In der Erdkruste sprechen wir allgemein von Verwerfungen.
An dieser Stelle kann ich den Appetit auf die Geologie anregen. Sie mundet herrlich! Das Wissen ist heute allen jederzeit zugänglich. Es fühlt sich an wie ein reichhaltiges Menu mit vielen süssen Desserts! Wir picken uns besondere Rosinen heraus:

Hochsommer eine willkommene Abkühlung.

Fotos: Konrad Uebelhart
Blaslöcher
Als würde die Erde atmen, stossen Blaslöcher an vielen Stellen, vorwiegend im Alpenraum Luft aus. Meist kühle und auch warme Luft. In Leukerbad ist es die Konstellation verschiedener Gesteinsschichten und die Flusserosion der Dala, die Wasser aus der Tiefe an die Oberfläche befördert. Die Sankt Lorenz-Quelle ist mit +/- 900 l/min die ergiebigste von mehreren Quellen und 51 Grad warm. Naheliegend, dass das Blasloch in der Felswand zur Gemmi warme Luft ausstösst.
Weitere Blaslöcher befinden sich am Bürgenstock NW, im Raum Melchsee-Frutt OW, im Gebirgszug der Schrattenfluh LU bis zum Thunersee BE.
Sonnenfenster
Die Sonnenfenster sind je nach Betrachtungsweise eine geologische Kuriosität, ein mystisches Phänomen, eine Laune der Natur. Allen gemein sind eine Menge Sagen, die sich um diese Löcher in Bergen ranken. Sie wurden kultisch und religiös gedeutet, verteufelt und verherrlicht:
Das Martinsloch bei Elm GL misst 18.5 x 21.5 m: Zweimal im Jahr beim Sonnenaufgang am 13./14. März und am 30. September scheint die Sonne durchs Loch auf den Kirchturm von Elm. Ein Spektakel, das viele Schaulustige anzieht.

Foto: Albert Schmidt
Das Sonnenfenster am Mürtschenstock GL misst 15 x 11 m: Am 2./3. Februar und 8./9. November am frühen Nachmittag scheint die Sonne bei klarem Wetter auf die Kirche aus dem 18. Jh. und auf den Bahnhofplatz in Mühlehorn. Ab und zu schafft das auch der Mond.
Das Martinsloch, auch Heiterloch genannt im Eiger in Grindelwald BE: Am 13./14./15. Januar und 26./27./28. November scheint in der Mittagszeit die Sonne auf das Gebiet der Kirche in Grindelwald.
Die Fora digl Ela (Ela-Loch) in Bergün GR misst 5.5 x 2.5 m: Mitte Februar und Mitte Oktober scheint die Sonne durch das Loch im 3.339 Meter hohen Piz Ela, etwas versetzt auf das Dorf Bergün.
Ofenloch am Gerschniberg in Engelberg OW: Im Februar und Oktober scheint die Sonne durchs Ofenloch im Gerschniberg oberhalb Engelberg. Ein Spektakel im Ferienort.
Das Grossmutterloch in den Gastlosen FR misst 5 x 20 m: Zwischen November und Februar jagen hartgesottene Schneeschuh-Tourengänger nach zweistündigem Aufstieg bei Jaun FR dem stets an einem anderen Ort erscheinenden Licht nach. Die Belohnung ist grandios!
Das Drachenloch in St. Lorenz/Mondsee im Salzkammergut in A: Vom 25. Januar bis 2. Februar und vom 6. bis 15. November scheint die Sonne durch das Drachenloch im Drachenberg auf die St.-Lorenz-Kirche.
Falten
Eine der schönsten Falten ist am 2.969 Meter hohen Doppelgipfel Dent de Morcles im Unterwallis zu bestaunen. Zusammen mit den gegenüber der Rhone gelegenen Dents du Midi bildet der Dent de Morcles das Tor zum Wallis. Die Geologen nennen diese Form von Falten Verkehrtschenkel, weil jüngere unter älteren Schichten liegen. Lange Zeit konnten sich die Wissenschaftler die komplizierten Schichtenlagen im Walliser Alpenraum nicht erklären. Vor etwa 50 Millionen Jahren begannen sich die Kontinentalplatten Afrika und Europa aufeinanderzuschieben. Der enorme Druck liess die Schichten brechen, verkeilen und krümmen, teils ins Erdinnere, teils nach oben.

Foto: Bernhard Edmaier, Tages-Anzeiger 13.11.2019
An vielen weiteren Orten kann man Falten und Überschiebungen bestaunen, so die Glarner Hauptüberschiebung in der Tektonikarena Sardona, der Naturpark Jungfrau–Aletsch (beide Unesco-Welterbe), Churfirsten, Alpstein, Pilatus, Brienz BE, das Urnerland, Lugano–Gandria.
Überschiebungen und Verschiebungen
Die wohl grösste Verwerfung im Alpenraum ist die Saxerlücke im Alpstein in den Appenzeller Alpen. Die lange Bruchlinie und die Verschiebung der Bergkämme und Täler um bis zu 400 Meter ist erstaunlich. Ich habe diese Zone auf einer Wanderung von Nahem erlebt und bin schwer beeindruckt.

Luftbild: map.geo.admin.ch
Wandertipp Rundwanderung in zwei Tagen: Start in Wasserauen – Bogartenlücke – Berggasthaus Bollenwees (gute Küche, schöne Zimmer; mitten in der grossen Verwerfung). Bollenwees – Saxerlücke – Stauberenkanzel – Hoher Kasten – Brülisau. Ein phantastisches Erlebnis!
Risse und Spalten
In den Gesteinsschichten der Erdkruste entstehen oft Spannungsrisse und Spalten durch die gewaltigen Kräfte, die hier wirken. Die Energie, die Radioaktivität oder die Gase, die über solchen Rissen zu muten und zu messen sind, bergen gesundheitliche Risiken und sind nicht zu unterschätzen.
Hobby-Archäologe Arnold Singeisen selig führte uns 1999 in den Nationalpark Rupestri im Val Camonica in Norditalien. Auf einem der Wanderwege spannte ich meine Gabelantenne. Ich wollte nur mal schauen, ob sich etwas tut. Plötzlich erhielt ich einen so starken Ausschlag, dass ich erschrak. Arme und Hände schmerzten. Was war da los? Jetzt erst wurde ich der Risse im nackten Fels nebenan gewahr. Der Fels ist übersät mit prähistorischen Figuren, diese waren das Ziel der Exkursion. Das Nebenbei-Experiment hat mich geprägt.

Foto: Konrad Uebelhart
Kurze Zeit später untersuchte ich eine Wohnung in der Stadt Luzern. Beim Schlafplatz mutete ich eine starke Verwerfung. Ich empfahl, die Betten in ein anderes Zimmer zu verlegen. Wochen später bei einem Besuch im Gletschergarten Luzern stand ich vor dem Löwendenkmal und knipste wie alle Touristen den sterbenden Löwen, den Künstler aus dem Molasse-Sandstein herausmodelliert hatten. Dabei betrachtete ich die Risse in der Felswand und einmal mehr ging mir ein Licht auf: Die Wohnung, die ich untersucht hatte, befand sich über einem der Risse. Nun hatte ich eine plausible und sichtbare Erklärung für die gesundheitlichen Beschwerden der Bewohner. Verwerfungen sind im Siedlungsgebiet selten so offensichtlich erkennbar.
Höhlen
Zu den Verwerfungen kann man im Sinne von Anomalien in der Erdkruste auch Höhlen zählen. Sie sind erweiterte Risse, Spalten und Klüfte und erlauben uns einen Einblick ins Erdinnere. Sie lassen so manchen Höhlenforscher und Besucher staunend und ergriffen in den Trubel der Erdoberfläche zurückkehren.
Normalerweise hat ein See einen Zu- und Abfluss. Es gibt aber Abarten, bei denen das eine und/oder das andere nicht zutreffen. Den temporären Brünigsee, den Eisee und den Lac de Chésery – alle drei ohne oberirdischen Abfluss – habe ich in RR 3/2025 Wertschätzung des Wassers vorgestellt. Der Daubensee auf der Gemmi im Kanton Wallis wird von der Schneeschmelze und vom Gletscherwasser gespiesen, er erreicht den Höchststand jeweils im Juli und entleert sich unterirdisch bis Ende Oktober wieder vollständig. Der Fählensee, die Bollenwees-Senke (war früher ein See) und der Sämtisersee entwässern sich ebenfalls nur durch unterirdische Klüfte im Kalkgestein des Alpsteins und speisen Quellen im St. Galler-Rheintal und in Brülisau. Mit Färbversuchen konnte dies nachgewiesen werden. Wie auch auf dem Weissenstein und an vielen anderen Orten.

Foto: Irène Furrer
Erosion, Bergstürze, Geschiebedeltas
Flussaufwärts am Vorderrhein beginnt die Ruinalta, die Rheinschlucht. Ein riesiger Bergsturz bei den Flimser Bergen mit einem Volumen von 9 bis 16 Kubikkilometer (je nach Quelle) füllte das ganze Rheintal zwischen Bonaduz und Ilanz und staute dahinter einen See auf. Ganz ähnlich, nur viel grösser als im Mai 2025 im Lötschental bei Blatten. Im Verlauf der Zeit bahnte sich der Vorderrhein einen Weg durch den Schutthaufen und schuf so die Rheinschlucht, wie wir sie heute bestaunen können. Das war noch vor der Besiedelung. Aus der Katastrophe wurde ein Naturjuwel.
Verwerfungen und die Gesundheit
In radiästhetischen Kreisen wird der Begriff Verwerfung für eine geologische Störung verwendet. In zwischenmenschlichen Beziehungen ist eine Meinungsverschiedenheit noch lange keine Verwerfung. Artet diese jedoch von handfestem Streit bis zum Krieg aus, spricht man von einer Verwerfung.
Bei Hausuntersuchungen verwende ich anstelle von Verwerfung den neutralen Begriff Reizzone. Dank der Radiästhesie können Veränderungen in der Strahlensituation festgestellt werden. Die Kunst ist es, aus den Wahrnehmungen keine voreiligen, sondern die richtigen Schlüsse zu ziehen. Der Mensch gilt als Strahlenmeider. Sein Schlafplatz sollte sich in einem ruhigen Bereich der Wohnung befinden. Es gibt Pflanzen wie die Stechpalme, die auf unruhigen Plätzen sehr gut gedeihen. Der Mensch ist gut beraten, für seine Erholungsphasen einen ruhigen Platz zu wählen.

Foto: Konrad Uebelhart
Beenden wir unsere kleine geologische Tour de Suisse, wo wir sie begonnen haben im Bahnhof Olten. Auf unseren Bahnreisen der Kindheit kehrten wir im Bahnhofbuffet ein. Nicht selten wartete man eine volle Stunde auf den Anschlusszug. 1982 wurde der Taktfahrplan eingeführt. Seither verkehrt stündlich in jede Richtung ein Zug, heute oft im Halbstundentakt.
Ich hoffe, die Reise hat ein wenig Spass gemacht und den Appetit angeregt sich in die Fachliteratur zu vertiefen und den einen und anderen Weg draussen in der Natur unter die Füsse zu nehmen und die durchaus sehr schönen Seiten von Verwerfungen kennenzulernen.
Anmerkungen
1 Dialekt für: Mit einer Freikarte fahren.
2 Dialekt für: Das Kirchlein von Wassen.
Literatur
Das Relief der Schweiz Herbert Bühl, Haupt Verlag 2020
Landschaften und Geologie der Schweiz O. Adrian Pfiffner, Haupt Verlag 2024
Geologie der Schweiz Toni P. Labhart, Ott Verlag 2017
Das Martinsloch zu Elm W. Bäbler, G.P. Bolze, Verkehrsbüro Elm GL 1996
Praxis-Tipp von Konrad Uebelhart
Die Eiszeiten formten den Lebensraum im Alpenraum sehr stark. Der französische Geologe Julien Seguinot erstellte 2018 eine 2:15 min lange Animation, ein Rekonstruktionsversuch über den Verlauf der letzten Eiszeit von vor 120.000 Jahren bis heute. Zum Geniessen und Staunen: vimeo.com/294686110
Konrad Uebelhart
CH-6017 Ruswil LU
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